5 typische Denkfehler bei Mehrweite – und wie du sie vermeidest
Viele Strickstücke scheitern nicht an der Anleitung.
Sie scheitern an einem einzigen Schritt davor: der Größenwahl.
Und das ist ganz normal – denn beim Stricken geht es nicht um Konfektionsgrößen, sondern um Körpermaße, fertige Maße und gewünschte Mehrweite. Wenn hier etwas durcheinandergerät, sitzt das Strickstück am Ende zu weit, zu eng oder „irgendwie nicht richtig“ – obwohl du sauber gestrickt hast.
In diesem Beitrag zeige ich dir die 5 häufigsten Denkfehler – und eine einfache Methode, wie du deine Größe sicher auswählst.
Kurz geklärt: Was ist Mehrweite (Positive Ease)?
Mehrweite ist der Unterschied zwischen deinem Körpermaß und dem fertigen Maß des Strickstücks.
Beispiel:
Brustumfang 104 cm, fertige Weite 110 cm → Mehrweite = 6 cm.
Mehrweite ist kein „Extra“. Sie ist Teil der Konstruktion – und entscheidet darüber, ob ein Modell körpernah, klassisch oder locker sitzt.
→ Größenwahl & Bequemlichkeitszugabe – so sitzt dein Strickstück wirklich gut
5 Denkfehler bei der Größenwahl
1) „Ich stricke meine Konfektionsgröße.“
Das ist der Klassiker. Und fast immer die Ursache, wenn ein Strickstück nicht so sitzt, wie du es erwartest.
Warum das nicht funktioniert:
Konfektionsgrößen sind je nach Marke komplett unterschiedlich. Strickanleitungen arbeiten dagegen mit fertigen Maßenund einer geplanten Mehrweite.
Besser so:
Miss deinen Brustumfang (und bei Bedarf weitere Maße) und wähle dann die Größe über die fertige Weite.
2) „Je mehr Weite, desto bequemer.“
Mehrweite macht bequem – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ab dann kippen die Proportionen.
Was dann passieren kann:
- der Halsausschnitt sitzt zu weit außen
- die Schulterlinie rutscht
- Ärmel und Armausschnitt wirken „schlapp“
- ein gerader Schnitt wirkt schnell sackartig
Besser so:
Entscheide dich bewusst für einen Sitz:
- nah (wenig Mehrweite)
- klassisch (moderate Mehrweite)
- locker (geplant oversized)
Und dann wählst du die Größe, die genau diesen Sitz ermöglicht.
3) „Der Brustumfang reicht.“
Der Brustumfang ist wichtig – aber nicht immer das Maß, das entscheidet.
Gerade bei schlichten, klar konstruierten Modellen ist oft einer dieser Punkte „kritischer“:
- Oberarmumfang (Bewegungsfreiheit)
- Bauch-/Hüftumfang (bei geraden Schnitten)
- Schulter-/Rahmenbereich (Sitz der Passe)
Besser so:
Nimm zusätzlich mindestens den Oberarmumfang. Und wenn du weißt, dass du am Bauch/Hüfte mehr Weite brauchst: auch dort messen.
4) „Ich liege zwischen zwei Größen – dann nehme ich sicherheitshalber die größere.“
Kann funktionieren. Muss aber nicht.
Warum das problematisch sein kann:
Mit einer Nummer größer ändert sich nicht nur die Weite. Oft ändern sich auch
Ausschnitt, Schulterbreite, Armausschnitt und Ärmelansatz.
Besser so:
Entscheide nach dem Bereich, der bei dir wirklich zählen soll:
- Oberarm knapp? → eher die größere Größe
- Ausschnitt/Schulter sollen sauber sitzen? → eher die kleinere Größe und Länge/Weite gezielt anpassen
Top-down hilft dir dabei – aber die Grundgröße sollte passen.
5) „Wenn es nicht passt, rette ich das unterwegs.“
Bei top-down Modellen stimmt das teilweise: Längen lassen sich wunderbar anpassen.
Aber: Wenn Schulter, Ausschnitt oder Armausschnitt von Anfang an nicht stimmen, wird es später mühsam.
Besser so:
Mach dir angewöhnt, früh zu prüfen:
Sobald die Passe steht: anprobieren, Sitz anschauen, erst dann weitermachen.
Der wichtigste Praxis-Tipp: Miss ein Lieblingsstück aus
Wenn du unsicher bist, wie „klassisch“ oder „locker“ sich für dich richtig anfühlt, ist das hier der schnellste Weg:
Miss ein gut sitzendes gekauftes oder gestricktes Teil aus.
- flach hinlegen
- Breite unter den Achseln messen
- Wert verdoppeln = fertige Zielweite
- dazu optional Oberarmweite und Achseltiefe prüfen
Damit vergleichst du nicht „Zahl gegen Zahl“, sondern Sitz gegen Sitz. Das ist beim Stricken Gold wert.
Zusatzmaß bei großem Busen: Oberbrustweite
Wenn du einen größeren Busen hast, lohnt sich ein zusätzliches Maß: die Oberbrustweite (unterhalb der Achseln am Brustansatz gemessen). Pascuali empfiehlt dieses Maß ausdrücklich als Ergänzung zur Oberweite.
Warum das hilft:
Die Oberbrustweite beschreibt deinen „Rahmen“ – also den Bereich, der für Schulterlinie und Armausschnitt entscheidend ist. Wenn Oberweite und Oberbrustweite deutlich auseinanderliegen, kann es sinnvoll sein, die Größe zuerst nach dem oberen Bereich zu wählen – damit das Oberteil obenrum sauber sitzt – und dann über Mehrweite und Passform zu entscheiden.
Wie du diese Maße am besten nimmst und einordnest, erkläre ich dir hier: → rosa p. Größenwahl – So findest du die richtige Größe für dein Strickstück
Größenwahl in 3 Schritten (so mache ich es selbst)
Schritt 1: Maße nehmen
Mindestens:
- Oberweite (stärkste Stelle)
- Oberarmumfang
Optional:
- Oberbrustweite (bei großem Busen)
- Bauch/Hüfte (bei geradem Schnitt)
- Armlänge / Oberkörperlänge (wenn du oft verlängerst)
Schritt 2: Wunsch-Sitz festlegen
Willst du das Modell eher nah, klassisch oder locker tragen?
Schritt 3: Größe über das fertige Maß wählen
Suche in der Maßtabelle die fertige Weite, die zu deinem Ziel passt:
Körpermaß + gewünschte Mehrweite = Zielmaß.
Mini-Beispiel:
Brustumfang 104 cm + 6 cm Mehrweite = Zielweite 110 cm → wähle die Größe mit ca. 110 cm fertigem Brustumfang.
Fazit
Die richtige Größe ist kein Ratespiel.
Wenn du Körpermaß, gewünschte Mehrweite und ein gut sitzendes Vergleichsteil zusammennimmst, wird die Auswahl plötzlich sehr klar.
Und das Beste: Du strickst entspannter – weil du weißt, dass das Fundament stimmt.
Wenn du dich beim Stricken schon öfter gefragt hast: Welche Größe stricke ich wirklich? – dann hast du jetzt eine klare Methode.
Was ist Positive Ease (Bequemlichkeitszugabe)?
Positive Ease ist die Mehrweite zwischen deinem Körpermaß und dem fertigen Maß des Strickstücks. Sie bestimmt, ob ein Modell körpernah oder lockerer sitzt.
Wie viel Mehrweite ist sinnvoll?
Das hängt vom Modell und deinem gewünschten Sitz ab. Entscheidend ist: Mehrweite ist geplant – zu viel verändert Proportionen, zu wenig kann einengen
Welche Maße sollte ich neben der Oberweite noch nehmen?
Mindestens den Oberarmumfang. Je nach Figur zusätzlich Bauch/Hüfte. Bei großem Busen kann die Oberbrustweite (unterhalb der Achseln am Brustansatz) sehr hilfreich sein.
Ich liege zwischen zwei Größen – welche soll ich stricken?
Entscheide nach dem sensiblen Bereich: Oberarm eher größer, Schulter/Ausschnitt eher kleiner. Längen kannst du meist gut anpassen, Proportionen weniger.
Warum hilft es, ein gut sitzendes Kleidungsstück auszumessen?
Weil du damit deinen persönlichen Wunsch-Sitz in Zahlen übersetzt. Du vergleichst dann fertige Maße aus der Anleitung direkt mit einem Teil, das du gern trägst.








